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Bucher-Doderer

Falter 13/21 – Heimito von Doderer (1896–1966) reinkarniert 1976 im Leib der Neugeborenen Marie. Der Geist ringt um Kontrolle über den Wirtskörper. (Von Dominika Meindl)
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Cityflyer – In ihrem skurrilen Roman haucht Nadja Bucher dem Wiener Schriftsteller Heimito von Doderer neues Leben ein und lässt diesen als Mädchen in einer nicht ganz so noblen Gegend das Licht der Welt erblicken. (Von Claudia Zawadil)
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Wiener Zeitung – Weil er ein Mädchen ist. Heimito von Doderer ist wieder da: Die Wiener Autorin und Slam-Poetin Nadja Bucher beschert dem streitlustigen Literaten eine Wiedergeburt – und eine Geschlechtsumwandlung. (Von Elisabeth Freundlinger)
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ORF / Ö1, Ex Libris vom 27.12.2020 von Susanne Schaber
Muss das sein? Heimito von Doderer ist fassungslos: Eigentlich ist er seit zehn Jahren mausetot, begraben und betrauert von seinen Fans. Und nun das: Der Geruch stinkender Babywindeln beleidigt seine empfindliche, an edles Lavendelwasser gewohnte Nase, das Brabbeln eines Säuglings stört seinen exquisiten Sinn für Sprache und die Nuancen jedes Wortes. Ja mehr noch: Er spürt, dass er in einem Kinderkörper gefangen ist, der sich nur über das Vegetative zu äußern vermag. Bis es Doderer langsam dämmert, was da mit ihm passiert ist: Er wurde wiedergeboren, und das ausgerechnet im Leib eines weiblichen Babys, das keinerlei Anzeichen des Genialischen in sich zu tragen scheint.
Mit Kunstgriffen, die weit über die Gesetze der Wirklichkeit hinausgreifen, begibt sich Nadja Bucher auf Glatteis: Doch sie zieht dort souverän ihre Runden und setzt zu allerlei kunstvollen Pirouetten an. „Die Doderer-Gasse oder Heimitos Menschwerdung“ nennt Bucher ihren Roman: ein eigenwilliges, höchst skurriles Buch, das die späten 1970er und frühen -80er durchmisst und dabei vorführt, wie sich durch eine ziemlich schräge Grundidee ein neuer Erzählhorizont öffnet.
Wie schildert man die ersten zehn Jahre einer Biographie, die eigentlich nichts wirklich Besonderes zu bieten hat – sieht man davon ab, dass jedes Individuum einzig und unverwechselbar ist? Das scheint die Grundfrage, auf der die Konstruktion des Romans ruht. Marie, Geburtsdatum 1976, wächst in der Wiener Großfeldsiedlung auf, ein behütetes Wunsch- und Einzelkind. Und so wie die dortigen Sozialwohnungen als Vorzeigeprojekt der Gemeinde langsam altern, gewinnt die Protagonistin an Erfahrungen. Wir beobachten sie auf dem Weg zur Selbständigkeit: vom Säugling zum Kindergartenmädchen und weiter zur Volksschülerin auf dem Sprung ins Gymnasium. Es sind zahlreiche kleine Szenen, die sich zu einem Panorama einer Epoche zusammenfinden. Von „Am dam des“ und Pippi Langstrumpf geht es über Christine Nöstlinger, Barbie-Puppen und Bandenkriege innerhalb der Wohnblöcke zu TV-Sendungen wie „Aktenzeichen XY“, den ersten Musikvideos von Madonna und zu den Nachrichten vom Unfall von Tschernobyl und von der Besetzung der Stopfenreuther Au. Nadja Buchers Roman hangelt sich Ereignissen entlang, die emblematisch sind für sehr viele Biographien jener Tage.
Das eigentlich Spezielle dieses Romans ist weniger die Hauptfigur, die bis auf ein paar Wutausbrüche eher blass bleibt, sondern die Idee, Herrn Doderer vom Toten auferstehen zu lassen. Anfangs ist der selbsternannte Säulenheilige der österreichischen Nachkriegsliteratur entsetzt und ratlos: Was soll er mit sich anfangen, eingesperrt in den Körper eines Mädchens? Bis er einen Entschluss fasst: Seine Wiedergeburt kann nur einen Grund haben. Marie wird ihm als Medium dabei assistieren, seinen noch unfertigen Roman R7/III zum Abschluss zu bringen. Mit diesem Perspektivenwechsel hat sein neues Dasein eine wirkliche Berechtigung und Mission. Fortan beobachtet er Marie mit dem Blick des Dichters, der in ihr die zukünftige Vollstreckerin seiner Pläne sieht.
Mit dieser Wendung nimmt auch Nadja Buchers Roman an Fahrt auf und präsentiert sich in seiner Absurdität und Extravaganz: Hier das kleine Mädchen mit ihrer kindlichen Tollpatschigkeit, da der überhebliche Autor, der sich als Schöpfer inszeniert und vom hohen Ross herab doziert. Denn er ist es ja, der Maries Entwicklung aus dem Off beschreibt und kommentiert, natürlich in der ihm eigenen Erzählweise, wie sie uns aus Romanen wie der „Strudelhofstiege“, den „Dämonen“ oder den „Merowingern“ vertraut ist.
Nadja Bucher bedient sich bei Doderers Büchern und imitiert seine Sprache und den Erzählduktus mit sichtlichem Spaß. Witz entsteht dadurch, dass die abgehobenen, endlos erscheinen Satzkaskaden schiere Banalitäten beschreiben: wenn Marie zum ersten Mal am Töpfchen sitzt etwa oder sie sich als Ballettratte im rosaroten Tutu quält – für den Dichter in ihr eine besondere Schmach. Aus dieser Spannung bezieht der Roman seine Komik.
Sie verstärkt sich noch durch das Auftreten eines weiteren prominenten Wiederauferstandenen. Marie wohnt mit ihren Eltern in der Doderer-Gasse, die an zwei Seiten direkt auf die Adolf-Loos-Gasse stößt. Dort lebt ihre Busenfreundin Isa. In und mit ihr ihr kommt der große Architekt und Kulturpublizist neuerlich zur Welt. Durch die innige Verbindung der beiden Mädchen gehen auch die Herren auf vorsichtige Tuchfühlung. Sie sind sich vorher noch nie persönlich begegnet, nun prallen ihre Persönlichkeiten hart aufeinander: Der hochnäsige, etwas frauenfeindliche Doderer mit seinem Hang zur Selbstüberschätzung begegnet dem misanthropischen, vollends desillusionierten Loos, einem Zyniker mit pädophilen Neigungen und der Überzeugung, dass die Störung seiner Totenruhe als Verbrechen und Strafe zu werten ist. Enge Freunde werden die beiden nicht, dem Roman freilich geben ihre Dialoge und Streitereien einiges an Pfeffer. Zumal auch die biographischen Einsprengsel und Anspielungen zum Lese-Vergnügen viel beizutragen haben.
Nadja Buchers Plan geht auf: Der Roman ist nicht nur Kindheitsgeschichte, sondern zudem noch eine augenzwinkernde Auseinandersetzung mit dem Mythos des edlen Künstlers, mit seinen Posen und Attitüden und den ungebremsten Allmachtsphantasien. Doch so sehr Doderer bestrebt ist, die kleine Marie nach seinem Willen zu formen, um sie reif zu machen für sein Opus Magnum, so bitter muss er erkennen, dass er mit seinen Höhenflügen so manche Bruchlandung hinlegt. Marie zieht an ihm vorbei, würdigt ihn keines Blickes und beschließt, Zahnärztin zu werden
So trivial ist das Leben – und so geistreich und spaßig Nadja Buchers Roman. Bleibt nur noch die Frage, ob man nach der Lektüre zu Doderer greift oder doch zu einem der früheren Bücher der Autorin? Beides sehr zu empfehlen.

Buchkultur 06/2020, Heft 193 – Ein störrischer Spielstein namens Marie. (Von Johannes Lau)
Nadja Buchers Roman ist Doderer-Hommage und 1980er-Porträt zugleich. Nicht jeder Autor lässt vollständige Texte zurück. Manches bleibt auch Fragment, wenn bereits vor der Vollendung das Zeitliche gesegnet wird. Heimito von Doderer erhält aber in »Die Doderer-Gasse oder Heimitos Menschwerdung« von Nadja Bucher eine zweite Chance, sein Werk abzuschließen: Die Wiener Autorin lässt den Großschriftsteller in den Achtzigerjahren im Körper eines kleinen Mädchens wieder auferstehen. Sobald er sich im Klaren über seine neue Hülle ist, fasst er den Plan, die junge Wirtin seinen finalen Roman schreiben zu lassen: »Was, wenn mein Wille direkten Einfluss auf das Kind hätte? Wenn mir dies gelänge, erhielte ich durch sie neue Handlungsfähigkeit. Die Idee enthusiasmierte mich, brachte mich schwärmerischen Zukunftsvisionen nahe. Könnte ich meinen Spielstein namens Marie dazu bewegen, nach meiner Anleitung über die Felder des Lebens zu ziehen, ich müsste nicht nur rascher ans Ziel gelangen, sondern exorbitant hoch gewinnen.« Wie man hört, versteht es Bucher gekonnt wie kennerisch, Doderers Stil zu imitieren. Hierin liegt auch die Komik dieses Buches: Der aristokratische Autor hat nämlich deutlich weniger Einfluss auf die kleine Dame als gewünscht, sodass ihm nichts anderes übrig bleibt, als im typischen »Heimito-Sound«, das Heranwachsen Maries im Gemeindebau gestelzt und verächtlich zu kommentieren. Denn die Sechsjährige interessiert sich anstatt für Dämonen und Strudlhofstiege nun einmal mehr für Zeichentrickserien und Cyndi Lauper.

Die Presse – Grätzeltour im Klopfstangen-Idyll (von Daniela Mathis) Über den unverhofften Charme der alten Satellitenstadt – und darüber, was Heimito von Doderer und Mundl dort zu suchen haben.
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Kurier – Prominent in der G’stättn. Auf die Frage, ob die nach ihnen benannten Orte den jeweiligen Prominenten gefallen hätten, gibt’s jetzt endlich eine Antwort. (Von Barbara Mader)
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pressplay – Mit „Die Doderergasse oder Heimitos Menschwerdung“ präsentiert die Wiener Autorin Nadja Bucher den wohl ungewöhnlichsten Coming-of-Age-Roman des Jahres.Was auf den ersten Blick wie ein zu lang geratener Witz wirkt, entwickelt sich bald zu einer hintergründigen, humorvollen und mitunter auch sehr tragischen Farce. (Von Benedict Thill)
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DUM – Das Ultimative Magazin: HEIMITOS RESILIENZ ODER DIE LOOS-LOSWERDUNG. Nadja Bucher legt mit „Die Doderer-Gasse oder Heimitos Menschwerdung“ ihren dritten Roman vor und hat sich dafür etwas ganz Besonderes einfallen lassen. (Von Markus Köhle)
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Literaturhaus Wien – Rezension von Andreas Tiefenbacher
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Kurier – Großfeldsiedlung statt Strudlhof (von Peter Pisa)
Heimito von Doderer wird wiedergeboren. Wo ist die Strudlhofstiege? In der Großfeldsiedlung wird er wiedergeboren, 1976, und im Körper des Mädchens Marie.  Eine mehr als hübsche Idee  – noch dazu ist er der Erzähler bzw. in seinem Stil schreibt die Wienerin Nadja Bucher. Doderer will nicht mit Stoffhaserl spielen, sondern  einen Roman schreiben. Das ist eines der persönlichen Lieblingsbücher der vergangenen Monate.
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Vorarlberger Nachrichten – Völlig schräg, aber die Geschichte funktioniert. Der Dichter Heimito von Doderer (1896-1966) wird zehn Jahre nach seinem Tod in der Wiener Großfeldsiedlung wiedergeboren.
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